Notwendigkeit einer psychiatrischen Diagnostik bei Tinnitus
Psychiatrische Diagnostik bei Tinnitus

Eine psychiatrische Diagnostik kann bei Tinnitus durchaus sinnvoll sein, auch wenn es sich beim Tinnitus nicht um ein psychiatrisches Krankheitsbild handelt. Allerdings können Tinnitusentstehung und -aufrechterhaltung durch psychiatrische Krankheitsbilder wie beispielsweise Depression, depressive Verstimmung, Angststörung oder somatoforme Störung begünstigt werden (unter somatoformen Störungen versteht man körperliche Beschwerden, denen keine körperliche Ursache zugrunde liegt). Die psychiatrische Diagnostik dient dazu, infrage kommende, den Tinnitus fördernde Krankheitsbilder aufzudecken. Diese müssen bei der Planung der Tinnitustherapie unbedingt berücksichtigt werden. Daher steht bei einigen Tinnituspatienten vor der eigentlichen Therapie ihres Ohrgeräusches zunächst eine psychiatrische Diagnostik.
Der Bedarf einer psychiatrischen Diagnostik bei Tinnitus wird durch die Häufigkeit psychiatrischer Erkrankungen bei Tinnituspatienten unterstrichen. So fanden sich im Rahmen einer Studie an stationär behandelten Patienten mit dekompensiertem Tinnitus folgende Häufigkeiten psychiatrischer Krankheitsbilder, die im Rahmen einer psychiatrischen Diagnostik festgestellt wurden:
- Depression (bei 67% der Patienten)
- depressive Verstimmung (bei bis zu 21%)
- Angststörungen (bei bis zu 31%)
- somatoforme Störungen (bei bis zu 32%)
Durchführung einer psychiatrischen Diagnostik bei Tinnitus
Am Anfang der psychiatrischen Diagnostik bei Tinnitus steht die Erhebung der Krankengeschichte, wobei sowohl das Ohrgeräusch selbst als auch weitere Beschwerden erfragt werden. Weiterhin umfasst die Krankengeschichte im Rahmen der psychiatrischen Diagnostik Aspekte wie Familienleben, soziale Umgebung und bisheriger Lebenslauf. Der nächste Schritt der psychiatrischen Diagnostik bei Tinnitus ist die Erhebung des sogenannten Psychostatus („Seelenzustand“). Dabei beobachtet und befragt der Untersucher den Patienten im Rahmen der psychiatrischen Diagnostik und achtet dabei unter anderem auf folgende wichtige Aspekte:- Bewusstseinslage, Aufmerksamkeit und Konzentration
- Orientiertheit
- Interaktion mit anderen Menschen
- Antriebsverhalten
- Sprechweise und Sprache
- Impulsivität
- Denkabläufe und Denkinhalte
- Intelligenz
- Gedächtnisfunktionen
- Stimmung
- Empfindungen und Wahrnehmungen
- Gesamtpersönlichkeit und einzelne Charaktereigenschaften
Datum: Mai 2010; Autor: Dr. med. E. Wolf
Quellen:
Biesinger, E.: Tinnitus – Endlich Ruhe im Ohr. Trias, Stuttgart (2007)
Hesse, G.: Tinnitus. Thieme, Stuttgart (2008)
Payk, T.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie, 3. Aufl. Thieme, Stuttgart (1998)
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