Stellenwert von Procain bei Tinnitus

Procain bei Tinnitus

Procain bei Tinnitus

Procain, ein lokales Betäubungsmittel, wird in der Tinnitus-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie als Medikament zur Therapie des akuten Tinnitus genannt. Die Behandlung soll in aufsteigender Dosierung erfolgen, wobei das Procain meist in Form von Infusionen verabreicht wird. Dieses Vorgehen bezeichnet man als ionotrope Innenohrtherapie, für deren Anwendung die Wirkstoffe Lidocain und Procain infrage kommen.

Die Wirkungsweise von Procain zur Therapie des Tinnitus ist noch nicht genau bekannt. Es werden jedoch folgende Procainwirkungen mit therapeutischem Effekt auf den Tinnitus vermutet:

  • Beeinflussung von Ionenkanälen und Ionenströmen (Ionen sind „kleinste Teilchen“, beispielsweise Natrium- und Kalium-Ionen)
  • Wirkungen an den Sinneszellen des Hörorgans („Schnecke“) sowie am Hörnerv und an den Hörzentren des Gehirns
  • Entzündungshemmung
  • Durchblutungsförderung durch Erweiterung von Blutgefäßen
  • Stabilisierung von Nervenzellwänden, was wiederum die Hörzentren des Gehirns stabilisiert

 

Durchführung einer Procaintherapie bei Tinnitus

Eine Tinnitushtherapie mit Procain darf nur im Krankenhaus durchgeführt werden, weil während der Infusionen eine regelmäßige Überwachung des Patienten erforderlich ist. Dies ist durch die möglichen Nebenwirkungen des Procains bedingt, welche allerdings hauptsächlich bei Überdosierung zu erwarten sind:

  • Krampfanfälle
  • Atemlähmung
  • Herz-Kreislauf-Stillstand

Selbstverständliche darf Procain nicht angewendet werden, wenn bei dem betreffenden Patienten eine Procainallergie besteht. Vorsicht ist zudem bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen (beispielsweise Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit oder durchgemachter Herzinfarkt) und Blutgerinnungsstörungen geboten. Auch unmittelbar nach einer Operation sollte Procain nicht zur Anwendung kommen. Die Tinnitustherapie mit Procain erfolgt meist in der Form, dass das Procain einer Infusion mit einem Plasmaexpander zugesetzt wird. Die Dosis des Plasmaexpanders bleibt während der meist 10-tägigen Infusionsbehandlung in der Regel gleich, während die Procaindosis kontinuierlich ansteigt. In Studien ließ sich durch die Behandlung mit Procain insbesondere eine kurzfristige Unterdrückung des Ohrgeräusches bewirken.

Datum: Mai 2010; Autor: Dr. med. E. Wolf

Quellen:

Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie: Leitlinie Tinnitus. www.phoniatrie-paedaudiologie.com/Informationen/HoersturzTinnitus/assets/AWMFonline-Leitlinie%20HNO-Tinnitus.pdf (Abruf am 09.12.2009)

Hesse, G.: Tinnitus. Thieme, Stuttgart (2008)

Reiß, M. (Hrsg.): Facharztwissen HNO-Heilkunde. Springer, Heidelberg (2009)

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